Jüngst war in einer neuen Folge des GynCast, – der großartige Gynäkologie-Podcast von Mandy Mangler und Esther Kogelboom – von einer Frau die Rede, die zwischen 53 und 66 Jahren acht Kinder bekommen hatte. Der Podcast pries die späte Mutterschaft wie eine realistische Möglichkeit an – auch wenn man nicht erfuhr, wie es dieser Frau gelungen war, in ihrem Alter Kinder zu bekommen. Sinn der Folge ist wohl, Mut zu machen und zu zeigen, dass Frauen sich sehr selbstbestimmt auch spät für Kinder entscheiden können. Beim Zuhören dachte ich, es klingt so, als sollten wir uns darauf freuen, dass bald späte Mutterschaft zur Regel werden könnte, und womöglich immer mehr Frauen mit 50, 55 oder gar 60 Jahren Mutter werden.
Ich habe viel darüber nachgedacht, und mich gefragt, ob dies wünschenswert ist. Sind solche Szenarien nicht auch Anzeichen für eine Gesellschaft, die junge Frauen wirtschaftlich so lange wie möglich (aus-)nutzen möchte? Eine Gesellschaft, die Frauen suggerieren möchte, dass es bald keine biologische Endlichkeit für das Muttersein gibt, und dass wir dann auch mit 60 noch Kinder kriegen können? Einer Medizin und Technologie, die uns Frauen glaubhaft machen möchte, dass wir ewig jugendlich sein können? Was haben wir tatsächlich davon?
Mit 50 wie 40 ausschauen, ist eine Sache, aber unseren Körpern zumuten, was wir mit 25 oder 35 hätten tun sollen? Wollen wir wirklich mit 60 Jahren Kinder bekommen, wenn wir, wenn auch gesünder und aktiver als unsere Großmütter ihrerzeit, eigentlich biologisch betrachtet dann einen anderen Lebensabschnitt hinter uns haben, den der Wechseljahre? Wechseljahre, die ihrerseits auch, endlich als das gesehen werden, was sie sind: eine Zeit des Wechsels, bzw. des Wandels, in der sich Frauen durch einen veränderten Hormonhaushalt neuen Lebensaufgaben und Herausforderungen zuwenden. Klar, theoretisch kann man das Kinderkriegen einfach in diese Zeit switchen. Aber gaukelt die Medizin, Wissenschaft und Forschung den Frauen ein Jugend-Eldorado vor, das es so nicht wirklich gibt?
Wenn ich die drei Enkel meines Mannes erlebe, die ich über alles liebe und mit denen Zeit zu verbringen, mich zutiefst beglückt, dann sehe ich auch eines immer sehr klar (was meine Großmütter sicher genauso gesehen haben): die Enkel sind wundervoll, entzückend und überaus vital, aber mit ihnen Schritt zu halten ist sehr kräftezehrend. Wenn sie abends ins Bett gehen, dann empfinde ich Erleichterung, so sehr ich mich auf sie am nächsten Tag wieder freuen mag. Die Erleichterung hat damit zu tun, dass ich weiß, dass ich in der Nacht nicht mehrfach aufstehen muss, um Fläschchen zu wärmen oder das zahnende Kind zu beruhigen. Diese Gewissheit meinerseits, trotz meiner Kindessehnsucht, ist ein klares biologisches Indiz, dass ich die Kraft und Resilienz nicht mehr hätte, auch wenn ich gesund und fit bin, – so sehr ich mir ein Kind gewünscht hätte. Es tröstet mich natürlich auch, denn mein niedriger Hormonpegel hat meine Kindessehnsucht reguliert. Ich kann heute gut damit leben.
Die Last der Verantwortung wird bei heranwachsenden Kindern nicht geringer: wichtige Lebensentscheidungen treffen, ob Ausbildung, soziale Netzwerke oder extracurriculäre Aktivitäten, nicht zuletzt das anspruchsvolle Ringen mit der Pubertät. Kinder auf einen guten Weg bringen ist ein anspruchsvoller Prozess, den junge Eltern, wenn auch vielleicht weniger lebenserfahren und erprobt, mehr psychische und körperliche Kraft entgegenzusetzen haben, als Eltern im Alter unserer Großeltern.
Und schließlich gilt die Frage nach der Perspektive der Kinder, wenn Eltern nicht 25 oder 30 Jahre älter sind als sie, sondern 50 oder 60 Jahre älter. Vorausgesetzt es sind alle gesund, ist alles gut. Statistisch wissen wir aber, dass ab 50 gesundheitliche Probleme sich häufen. Das ist wie bei einem Auto mit vielen Kilometern auf dem Tacho: irgendwann tritt der Verschleiß ein, auch bei unserem Körper. Wir können an vielen Stellschrauben drehen, Sport, Kosmetik, Botox, neue Hüften und Knie, – vieles hilft uns über unsere altersbedingten Schwächen hinweg. Aber wir werden nicht belastbarer. Deshalb sollten wir uns nicht in die Tasche lügen lassen. Alter bedeutet glücklicherweise aber auch Stärke, nicht nur Schwäche. Eben die Stärke der Einsicht, Erkenntnis und Gelassenheit, – das hilft Tatsachen realistischer zu betrachten und als Groß-Eltern eine Schlüsselrolle für die Enkel einzunehmen. Welch wichtige Rolle! Wer Großeltern erlebt hat, wird diese in der Regel niemals missen wollen, – wegen ihrer prägenden Wirkung.
Fragen wir mal anders: warum gibt es eine Biologie, die zeitliche Fristen setzt? Vielleicht ist das im Interesse der Kinder? In den Diskussionen um das Hinausschieben der Mutterschaft fehlt mir persönlich die Perspektive der Kinder. Was brauchen Kinder, und wie geht es Kindern, wenn sie Eltern haben, die ihre Großeltern sein könnten? Wenn sie aufgrund des hohen Alters der Eltern keine Großeltern erleben? Was ist, wenn ihre Eltern plötzlich krankheitsbedingt sterben und die Kinder als Heranwachsende zurücklassen? Frauen, die mit 50 oder 60 ein Kind bekommen, nehmen in Kauf, ihr Kind womöglich früher zum Waisenkind zu machen.
Bei Adoptionen gelten sehr klare Altersgrenzen, die man vielleicht ein bisschen justieren könnte, denen aber das Prinzip des Kindeswohls zugrunde liegt. Kinder brauchen Eltern, und zwar so lange wie möglich, und so nah wie möglich. Ab 40 sind keine Adoptionen mehr möglich, genau genommen muss man sich viel früher als mit 40 bewerben, denn der Prozess kann Jahre dauern. Warum gilt bei Adoption ein Grundsatz, der in der Reproduktionsmedizin ignoriert wird? Könnte es daran liegen, dass es bei letzterem mehr Geld zu verdienen gibt?
Der für mich entscheidende Punkt ist: Emanzipation und Selbstbestimmung dürfen niemals auf Kosten Dritter erfolgen, schon gar nicht auf Kosten von Kindern, nach denen wir uns so sehnen. Hätten diese Kinder die Wahl, würden sie diesen Weg nehmen? Auf natürlichem Wege ist eine Empfängnis in so fortgeschrittenem Alter einfach nicht möglich bzw. extrem unwahrscheinlich. Bei so viel Selbstbestimmung fehlt mir an dieser Stelle die Demut und Verantwortung, und zwar gegenüber den Kindern.
Die Gesellschaft müsste in erster Linie unterstützend und fördernd wirken: Kinder jederzeit willkommen heißen, und vor allem Eltern in jeder Hinsicht darin unterstützen, Kinder groß zu ziehen. Ganz im Sinne des Sprichwortes Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Für das Wohlbefinden eines Kindes und um all seinen Bedürfnissen gerecht zu werden, bedarf es vieler Menschen, Nachbarn, Lehrer, Arbeitgeber, Familie und Freunde. Mit der Unterstützung Vieler können Eltern ihre herausfordernde Rolle meistern und Kinder im besten Falle in einem Alter in die Welt setzen, die Eltern wie auch Kindern gerecht wird. Daran sollten wir arbeiten, und nicht an dem falschen Versprechen einer ewigen Jugend.










