Autor: Raffaela Salis

  • Haben Sie Kinder?

    Haben Sie Kinder?

    „Haben Sie Kinder?“ – diese scheinbar harmlose Frage kann Gräben aufreißen und Abgründe auftun. „Nein ich habe leider keine Kinder.“ Mit dem Zusatz leider mache ich deutlich, dass ich ungewollt kinderlos bin. Denn Kinder zu haben war ein ganz großer Lebenstraum von mir und eigentlich eine Gewissheit, mit der ich groß geworden bin. Keine Kinder zu haben, war für mich gleichbedeutend mit Scheitern und Versagen. Man nimmt gemeinhin an, dass Kinder zu bekommen etwas ist, das man einfach entscheiden kann und dann passiert es. Etwas das vom Willen gesteuert wird und dann eintritt. Und wenn man es nicht schafft, dann geht man zum Arzt. Denn die moderne Medizin, so glaubt jeder, kann inzwischen fast alles möglich machen.

    Mein ganzes Leben hatte ich mit der Gewissheit gelebt, eines Tages eigene Kinder zu bekommen. Ich hatte keinen Zweifel, das dies irgendwann selbstverständlich eintreten würde. Ich würde Mutter werden, wie meine Mutter, Großmütter, und alle anderen Mütter auf der Welt. Doch es kam ganz anders. Es wurden viele Jahre des leidvollen und ergebnislosen Versuchens. Ich blieb nicht schwanger und es kam kein Kind. Mein wichtigstes Lebensziel konnte ich nicht erreichen. Auch nicht mit medizinischer Hilfe, oder so viel davon, wie ich in Anspruch zu nehmen bereit war.

    Heute im Rückblick und in dem Versuch dieses schwierige Kapitel in meinem Leben zu verarbeiten, frage ich mich, was habe ich falsch gemacht, oder was ist zu welchem Zeitpunkt schiefgelaufen? Was hätte ich gebraucht und welche Voraussetzungen wären für mich hilfreich gewesen? Zunächst hatte mir das teilnahmslose medizinische Umfeld zugesetzt. Wie kann es sein, dass in einem Bereich, in dem physische Themen sich so unmittelbar auf die Seele auswirken, so wenig Einfühlungsvermögen oder psychologische Begleitung flankierend und automatisch angeboten wird?

    Die nüchtern-pragmatische Vorgehensweise fand ich abstoßend. Ärzte behandelten mich, als hätte ich etwa ein Problem mit meinen Knien, oder irgendeinem nicht funktionierenden Körperteil, und nicht, als ginge es um einen Lebensentwurf und den möglichen Verlust einer Lebens-Gewissheit. Wenn man kein Kind bekommt, ist eine Diagnose über die mögliche Ursache unerlässlich; aber genauso wichtig ist der psychologische Umgang mit der Betroffenen, für die eine Welt zusammenbricht, eine Gewissheit einstürzt, der Sockel, auf dem sie stand. Ich werde Mutter werden, ich werde Kinder haben und eine Familie gründen. Kein Wolkenkuckucksheim, sondern einfach eine Normalität für den Großteil der Menschheit. Kinder zu bekommen und sich fortzupflanzen gehört zum Mensch-Sein. Manche entscheiden sich dagegen, anderen ist es nicht wichtig, aber unerträglich ist es für diejenigen, die diese Selbstverständlichkeit für sich in Anspruch nehmen möchten, aber aussortiert werden. Es ist wie ein Urteil: Du nicht. Du bekommst kein Kind.

    Es ist ein Schicksalsschlag. Der Lebensentwurf, das Selbstverständliche, das normalen Funktionen wie Essen, Schlafen und Trinken gleichkommt, tritt nicht ein, ohne dass man etwas daran ändern kann. Kein Kind heißt keine Fortpflanzung, keine Weiterentwicklung, kein Wachstum. Der Familienbaum stirbt mit deinem Ast aus. Sackgasse. Bruch. Für Menschen wie mich, die davon geträumt haben und sich ihr Leben lang darauf gefreut hatten, ist es eine Katastrophe.

    Ich blieb kinderlos. Um dieser schmerzvollen Situation einen Sinn zu geben, begann ich darüber zu schreiben.

  • Es passiert nicht

    Es passiert nicht

    In der Anfangsphase meines Kinderwunsches, in der ich ja bereits Ende 30 war, lehnte ich eine künstliche Befruchtung ab. Es war mein Traum und absoluter Wunsch zu lieben und zu empfangen, – daraus sollte ein Kind entstehen. Heute im Rückblick mag das naiv klingen, aber bei so vielen klappte es doch so! Ich war so überzeugt, dass ich die Empfehlungen meiner Mutter und einer Freundin, eine Kinderwunschpraxis wenigstens für eine Beratung aufzusuchen, anfangs ablehnte. Zudem wollte mein Mann, der ja drei heranwachsende Kinder hatte und keinen Zweifel an seiner Zeugungskraft hegte, davon nichts wissen. Mir bereitete die Vorstellung einer extra-korporären Zeugung im Labor große Schwierigkeiten. Wie sollten Embryos in Petrischalen auf neonbeleuchteten „Brutstationen“ gedeihen? Wie würde sich eine solche Zeugungsart auf das Kind auswirken? Ich empfand eine In Vitro Fertilisation (IVF) als einen lieblosen und ICSI als einen geradezu gewaltsamen Eingriff. Meine Skepsis war enorm.

    Etwa 70 Zyklen, 6 Jahre lang, haben wir es probiert, natürlich dann auch mit ärztlicher Hilfe. Das Leben wurde zur Sinuskurve. Die Tage zur Zyklusmitte hin waren von positiver Stimmung bestimmt: ich konnte hoffen, denn ich hatte wieder eine „Runde“ vor mir, wieder ein Versuch, in dem ich alle Kräfte und Energie darauf konzentrierte, die optimalen Voraussetzungen mitzubringen, so gut ich diese beeinflussen konnte, damit es vielleicht dieses Mal klappte. Ab Zyklusmitte, als ich nur noch abwarten konnte, verdüsterte sich die Stimmung, und täglich wurde mir banger zumute aus Angst, das Ergebnis könnte wieder negativ ausfallen.

    Die Kinder der Freunde, die ich als Freunde der meinigen zu erleben träumte, wuchsen heran. Es reihte sich ein Geburtstag an den anderen. Sie wuchsen uns regelrecht davon. Manchmal fühlte ich mich gemieden, weil ich kinderlos war. Gegenüber den wenigen Freunden, die von meinem Kinderwunsch wussten, schämte ich mich. Diejenigen, die Kinder bekamen, schienen mich zu meiden, ich dachte aus Takt, mir der „Gescheiterten“ den Anblick ihrer glücklichen Kinderschar zu ersparen. Die Uhr tickte, unerbittlich. Und doch raffte ich mich jeden Monat wieder auf, und probierte es wieder. Bis ich nicht mehr in der Lage war, darüber zu reden, am allerwenigsten mit meinem eignen Partner.

    Ich hatte den richtigen Zeitpunkt schlichtweg verpasst. Das Bild, das mich in diesen Jahren verfolgte, war das eines ausfahrenden Zuges, von dem ich nur noch die roten Schlusslichter erblicken durfte. Mein lang ersehnter Lebenszug, auf den ich immer aufspringen wollte, war ohne mich abgefahren. Gleichzeitig hatte ich Panik davor, den Lebensabschnitt, der sonst Kindern gewidmet ist, zu überspringen und direkt ins letzte Drittel zu wechseln. Besonders schmerzten Bescheide der Krankenkasse, in denen mir mitgeteilt wurde, dass ich aufgrund meiner Kinderlosigkeit einen höheren Rentenbeitrag entrichten musste. Wusste der Computer der Behörde nicht von meinen zermürbenden Versuchen? Konnte er mir diese bürokratische Gefühllosigkeit nicht ersparen?

    Jahre später fand ich auf dem Speicher meiner Großmutter meine Spielsachen, von meiner Großmutter sorgfältig in Kisten verpackt, damit ich sie eines Tages für meine eigenen Kinder hervorholen würde. Unter den vielen Puppen fand ich eine von mir sehr geliebte Puppe, Giulia, mit der ich sehr viel gespielt hatte. Sie war für mich Inbegriff meines kindlichen Mutterdaseins gewesen und mit ihr hatte ich meine Phantasien von einem späteren, wahren Muttersein gelebt, eine Vorstellung, die mich schon damals mit Vorfreude erfüllt hatte. Nun fand ich meine geliebte Giulia und ihre Kleider, liebevoll von meiner Großmutter verpackt, in den Kisten wieder. Ich holte sie aus ihrem Dornröschenschlaf und mit ihr meine betrogene Gewissheit von damals. Giulia war meine Lieblingspuppe, weil sie die Größe eines echten Babys hatte und auch „echte“ Babykleidung tragen konnte. Ich nahm sie in den Arm, drückte sie an mich und spürte all meine Sehnsucht und Zuversicht von ehedem, die sich nun in Tränen lösten, in Vorahnung dass aus meiner Vorstellung von damals sehr wahrscheinlich nie Realität werden würde.

  • Das Kind um seiner selbst willen

    Das Kind um seiner selbst willen

    Nie wollte ich ein Kind, um meinem Leben einen Sinn zu geben. Ich sehnte mich nach einem Kind um seiner selbst willen. Es war mein Herzenswunsch, Kinder groß zu ziehen und sie ins Leben zu begleiten. Gewiss spielte auch die Biologie eine Rolle: ich sehnte mich danach, mich fortzupflanzen, um einen weiteren Ast an dem Familienbaum, aus dem ich hervorgegangen war, hinzuzufügen. Ich war neugierig darauf, wie mein Kind aussehen würde. Es ging nie um mich, sondern immer um ein anderes Wesen. Heute kann ich sagen: mein Leben hat auch ohne Kinder einen Sinn, dennoch werde ich mein ganzes Leben das Fehlen eigener Kinder betrauern. 

    Khalil Gibran’s Worte waren ein wichtiger Schlüssel zu dieser Einsicht:

    Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
    Sie sind die Söhne und Töchter der
    Sehnsucht des Lebens nach sich selber.

    Sie kommen durch euch, aber nicht von euch.
    Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie
    euch doch nicht.

    Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
    aber nicht eure Gedanken,
    denn sie haben ihre eigenen
    Gedanken.

    Ihr dürft ihren Körpern
    ein Haus geben,
    aber nicht ihren Seelen,
    denn ihre Seelen wohnen
    im Haus von morgen,
    das ihr nicht besuchen könnt,
    nicht mal in euren Träumen.

    Ihr dürft euch bemühen,
    wie sie zu sein, aber versucht
    nicht, sie euch ähnlich zu
    machen.

    Denn das Leben läuft nicht
    rückwärts, noch verweilt es im
    Gestern.

    Ihr seid die Bogen, von denen
    Eure Kinder als lebende Pfeile
    ausgeschickt werden.“

    Aus Khalil Gibran, Ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, Von den Kindern, Patmos Verlag, 2013