Was bedeutet Eizellspende wirklich?
In einer Detailszene des Freskos zur Geburt Mariens (1486 – 1490) von Domenico Ghirlandaio in der Cappella Tornabuoni in der Basilica di Santa Maria Novella in Florenz gibt es eine sehr berührende Szene: Wir sehen ein großes Gemach in einem Palazzo der Renaissance. Frauen kümmern sich um ein Neugeborenes. In der Mitte des Gemäldes halten zwei von ihnen das Kind, – eine strahlt es an, die andere wendet sich leicht ab.
Für mich hat diese Szene, die kunstgeschichtlich gelesen sicher eine ganz andere Bedeutung hat, eine persönliche Lesart. Diese beiden Frauen sind wie Mütter ein und desselben Kindes. Die eine strahlt das Kind an wie eine Mutter, die andere hält das Kind, ist im Kontakt zu ihm, aber mit Distanz. So könnte man die Rollen der Frauen darstellen, bei einem Kind, das mit Eizellspende gezeugt wurde. Für das Kind sind beide Mütter wichtig.
Die Basics zur Kindszeugung sind bekannt: um ein Kind zu zeugen bedarf es einer männlichen und einer weiblichen Keimzelle, die miteinander verschmelzen. Traditionell fand dies während eines Geschlechtsaktes im Körper der Frau statt; die Samenzellen des Mannes verließen seinen Körper und verschmolzen mit der Eizelle der Frau in ihrem Körper.
Während Spermien den männlichen Ursprungskörpers verlassen müssen, um sich zu befruchten, vereint sich die Eizelle innerhalb ihres Ursprungskörpers mit den männlichen Keimzellen und nistet sich dort in die Gebärmutter ein und reift zu einem Embryo. Aufgrund dieser biologischen Gegebenheiten kann ein Mann mühelos Vater von Kindern vieler Frauen werden, in der Regel so viele wie er – wenn er zu seiner Vaterschaft steht – auch unterhalten kann. Eine Frau hingegen konnte nur so viele Kinder bekommen, wie sie körperlich „austragen“ konnte; in einem Leben waren etliche Phasen von Schwangerschaft und Stillzeit möglich, bis ihr Köper mit Beginn der Menopause das Ende ihrer Fruchtbarkeit ankündigte.
So verlief es bisher in der Geschichte der Menschheit. Die Zuordnung des Vaters war nicht immer sicher, deshalb sagte man „Pater semper incertus est“ – während eine Mutter immer klar zuzuordnen war, sie trug das Kind aus und gebar es, – somit war es ihr Kind. „Mater semper certa est“.
Wie ich in dem Beitrag „Ein Paar Gedanken zur Eizelle“ bereits geschrieben habe, können durch die operative Entnahme von Eizellen diese heute von einer Frau in eine andere Frau überführt werden. Damit gibt es de facto zwei biologische Mütter, die genetische, deren Eizelle zum Einsatz kommt und die Schwangerschaftsmutter, die das Kind austrägt und gebiert. Da das so gezeugte Kind bei der Schwangerschaftsmutter bleibt, empfindet sie es als „ihr“ Kind. Aber das Kind – und dies belegen die Aussagen der Spenderkinder, also Kinder, die mit Keimzellen Dritter gezeugt wurden und heute erwachsen sind, empfinden beide Frauen als relevant, denn sie tragen beide maßgeblich zu ihrer Entstehung bei. Beide Frauen haben einen Teil von sich weitergegeben, die eine ihr genetisches Erbe, die andere die wichtige Prägung in der Schwangerschaft. Sie sind beide unerlässlich. 1 Daher entstehen durch diesen medizinischen Eingriff zwei Mütter. Es liegt eine doppelte Mutterschaft vor. Im Falle einer Leihmutterschaft kann es sogar drei Mütter geben.
Die Eizellmutter teilt mit dem Kind ihr genetisches Erbe, ihre Familiengeschichte, ihre Ahnen, deren Krisen und Traumata, gerade im Europa des 20. Jahrhunderts betrifft dies viele Familien. Mindestens genauso wichtig ist die Krankheitsgeschichte einer Familie. Zu wissen, welche Krankheiten vorherrschen, ist für das Heranwachsen und Gedeihen eines Kindes von nachhaltiger Bedeutung. Die Prägung der Schwangerschaft hingegen ist die andere wichtige Komponente, die ein Kind ins Leben mitnimmt: neun Monate genährt und getragen, am Herzschlag seiner Schwangerschaftsmutter, durchlebt es ihre Stimmungen und Launen, Höhen und Tiefen. Gegenseitig hinterlassen sie Spuren in ihren jeweiligen Organismen. Die Verbindung ist innig und wirkt ein Leben lang.
Wenn ich die Eizelle einer anderen Frau in Anspruch nehme, bin ich zwar die erziehungsberechtigte Mutter, aber die andere Frau wird Teil der Familie. Vor der Abgabe sollte sie über die Risiken der Entnahme genauso aufgeklärt, wie über die Rolle, die sie künftig einnimmt: sie schenkt einem Kind Leben. Das Kind hat mit ihr eine Verbindung und sie hat dem Kind gegenüber eine Verantwortung, das heißt Ver-antwortung im Sinne von Rede und Antwort stehen. Das Kind wird Fragen zu seinen genetischen Wurzeln stellen, und sie kann sie beantworten. Das ist ihre Aufgabe. Dies entspräche einer altruistischen Weitergabe: ich helfe und nehme meine Rolle wahr.
Diese Sichtweise mag für die Reproduktionsmedizin und viele Paare mit Kinderwunsch unbequem sein, weil sie die Handhabe womöglich komplizierter macht, wenn es mehr Personen gibt, die man berücksichtigen sollte, aber es ist zweifelsfrei die ehrlichere Sichtweise. Es werden Familien mit Hilfe Dritter gezeugt, und diese sollten sichtbar sein, und als helfende Dritte benannt und eingebunden werden. Alles andere ist eine Vortäuschung falscher Tatsachen.
Warum nennen wir es nicht Keimzelladoption? Eine Frau gibt ihre Eizellen an eine andere Frau weiter. Diese adoptiert die Keimzelle, trägt ein Kind aus, gebiert es, und zieht es auf. Die Eizellmutter bleibt im Hintergrund, ist im Spenderregister erfasst, steht in der Geburtsurkunde, ist kontaktierbar und erreichbar. Das Kind hat jederzeit Zugang, denn früher oder später könnte es Fragen haben. Es ko-existieren zwei biologische Mütter.
Der Gesetzgeber sollte dies berücksichtigen. Die heutigen diskutierten Vorschläge versuchen die Beziehung zur Eizell-Mutter, d.h. der biologischen Mutter, die ihr genetisches Erbe weitergibt, durch einen „Kaufvertrag“ zu ersetzen. Die Eizelle wird gekauft (man sagt, die Spenderin bekommt eine „Aufwandsentschädigung“) und damit erlöschen jegliche Ansprüche. Man bezahlt und damit wechselt die Keimzelle den „Besitzer“.
Dies mag bei materiellen Dingen funktionieren, aber nicht bei genetischem Material, das eine lebenslange Verbindung zwischen der Ursprungsperson und dem mit der Keimzelle gezeugten Kind herstellt. Diese Verbindung lässt sich nicht weg-reden, relativieren oder für bedeutungslos erklären. Das Deutsche IVF Register verweist auf eine Studie 2 als Beleg für die Bedeutungslosigkeit dieser Verbindung, an der 65 Familien beteiligt waren. Wann wurde je eine Studie mit lediglich 65 Beteiligten als wissenschaftlich solides Beweismaterial für eine so grundlegende Gesetzesänderung herangezogen? In Deutschland allein wurden bereits 100.000 Kinder mit Keimzellspende gezeugt. Wenn der Gesetzgeber tatsächlich den Vorschlägen der Experten folgen sollte, ließe er sich auf ein groß angelegtes Experiment am Menschen ein. Die Kinder dürfen erfahren, von wem sie abstammen, aber erst ab 6 oder 18 Jahren. Warum diese Einschränkung?
Wenn jemand hierzu etwas Relevantes zu sagen hätte, dann sind es die Kinder, die in der Vergangenheit durch Keimzellen Dritter gezeugt wurden und heute erwachsen sind. Die meisten von ihnen haben keinen Zugang zu ihren genetischen Vätern oder Müttern, denn als sie gezeugt wurden, gab es nur anonyme Spenden. Die Eizellspende soll, wenn sie legalisiert wird, nicht wie in Spanien oder Tschechien anonym gehandhabt werden, aber fast: denn die Eltern dürfen die „Spenderin“ nicht kennen, die Kliniken wählen nach ihrem Gutdünken aus, und die Kinder haben erst mit 18 Jahren Zugang.
Fakt ist: Das Kind hat zum Zeitpunkt seiner Zeugung keine Mitsprachemöglichkeit. Es kann sich frühestens als Erwachsener dazu äußern. Einstweilen behandelt die Reproduktionsmedizin die Frau oder das Paar, das sich ein Kind wünscht, als vorrangig. Die helfenden Dritten werden erfasst und bezahlt. Dies kann nicht im Sinne der Kinder sein, die ein Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung haben, von Anfang an, und zu jedem Moment ihres Heranwachsens. Wieso sollte ein so essenzieller Teil ihrer Biografie unter Verschluss bleiben, bis sie 18 Jahre alt sind?
Daher ist es falsch zu behaupten, das Kind ist „meins“. Es gibt nicht „mein“ Kind, oder ein „eigenes“ Kind. Wenn man auf die Hilfe Dritter zurückgreift, adoptiert man Keimzellen, die eine Verbindung zwischen dem Kind und einer anderen Familie herstellen. Ein natürlich gezeugtes Kind hat eine Mutter, ein Kind, das mit Hilfe der Reproduktionsmedizin gezeugt wurde, hat zwei oder im Falle einer Leihmutterschaft sogar drei Mütter. Ein Verleugnen dieser Frauen eliminiert sie nicht und ändert auch nicht biologische Tatsachen. Es ist eine Lüge gegenüber den Kindern und fügt ihnen Unrecht und unter Umständen auch Leid zu.
Wie sagt Khalil Gibran? Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch. Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch nicht. ….
Was ist das Problem? Zwei Mütter und somit geteiltes Glück.


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